Fort Kugelbake – Wo die Elbe auf die Nordsee trifft und Geschichte lebendig wird

Nur wenige Schritte vom berühmten Seezeichen der Kugelbake entfernt, dort, wo sich die Elbe auf ihre letzten Kilometer bis zur Nordsee ausdehnt, verbirgt sich zwischen alten Bäumen ein außergewöhnliches Bauwerk.
Von KM-Redakteurin Sabrina Köhler und Leo Dillikrath

Magazin/Cuxhaven – Das Fort Kugelbake zählt zu den eindrucksvollsten historischen Anlagen Norddeutschlands und ist zugleich das letzte erhaltene Marineartilleriefort an der deutschen Nordseeküste. Wer das weitläufige Gelände betritt, entdeckt nicht nur eine imposante Festungsarchitektur, sondern eine Zeitreise durch mehr als anderthalb Jahrhunderte deutscher Küsten- und Militärgeschichte.

Foto: Kultur-macht/Leo Dillikrath

Die Lage hätte strategisch kaum bedeutender sein können. Seit Jahrhunderten galt die Elbmündung als Schlüssel zum Zugang nach Hamburg und damit zu einem der wichtigsten Handelswege Europas. Bereits während der napoleonischen Herrschaft erkannte man den militärischen Wert dieser Küstenregion. Als sich die politischen Spannungen in Europa im 19. Jahrhundert verschärften, entschied Preußen schließlich, die Mündung der Elbe dauerhaft zu sichern. 1869 begannen die Arbeiten an einer modernen Festungsanlage, die gegnerischen Kriegsschiffen den Weg versperren sollte. Schon ein Jahr später standen die ersten schweren Geschütze bereit, während die Bauarbeiten noch andauerten. Nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges wurde das Projekt mit Reparationszahlungen aus Frankreich weiter finanziert und bis 1879 vollständig vollendet.

Das Fort entstand als beeindruckender, fast fünf Hektar großer Festungskomplex in markanter Fünfeckform. Mächtige Erdwälle schützten die seeseitigen Geschützstellungen, während breite Wasser- und Trockengräben sowie massive Schießschartenmauern jede Annäherung erschwerten. Über eine Zugbrücke gelangten Soldaten einst in das Innere der Anlage. Hinter den meterdicken Ziegelmauern befanden sich Kasematten, in denen Mannschaften untergebracht waren und Munition lagerte. Auf den darüberliegenden Wällen standen die Kanonen, deren Reichweite bis zu zehn Kilometer betrug … ausreichend, um die gesamte Fahrrinne der Elbe zu kontrollieren.

Beim Rundgang durch das Fort lässt sich die ausgeklügelte Bauweise noch heute hervorragend nachvollziehen. Die einzelnen Geschützstellungen wurden durch massive Erdwälle voneinander getrennt, damit einschlagende Granaten möglichst wenig Schaden anrichten konnten. Besonders beeindruckend ist die sogenannte Mitteltraverse, ein gewaltiger Schutzbau, der Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurde und die Anlage bis heute in zwei Innenhöfe teilt. Ihre Aufgabe bestand darin, Druckwellen und Splitterwirkungen einzudämmen.

Foto: Kultur-macht/Leo Dillikrath

Doch trotz aller technischen Raffinesse offenbarte der Alltag der Soldaten erhebliche Probleme. Die Kasematten litten dauerhaft unter eindringender Feuchtigkeit und aufsteigendem Grundwasser. Die Unterkunft in den kalten Gewölben belastete die Gesundheit der Besatzung erheblich. Selbst das eingelagerte Schwarzpulver reagierte empfindlich auf die feuchten Bedingungen. Erst viele Jahrzehnte später entstanden zusätzliche Gebäude, die den Soldaten bessere Lebensbedingungen ermöglichten.

Um die Jahrhundertwende entwickelte sich das Fort kontinuierlich weiter. Eine Schmalspurbahn verband die Festung mit dem Bahnhof Cuxhaven und erleichterte den Transport von Munition und Material erheblich. Besonders spektakulär war jedoch eine technische Innovation aus dem Jahr 1909. Damals erhielt das Fort einen versenkbaren Großscheinwerfer, der als leistungsstärkster seiner Zeit galt. Sein Lichtstrahl reichte mehrere Kilometer weit hinaus auf die Elbe und ermöglichte selbst in mondlosen Nächten das Erkennen unbeleuchteter Schiffe. Untergebracht war die tonnenschwere Anlage in einem eigens errichteten Betonbunker und wurde von einem eigenen Kraftwerk versorgt.

Als der Erste Weltkrieg begann, galt das Fort als wichtiger Bestandteil der deutschen Küstenverteidigung. Dennoch blieb es von direkten Kampfhandlungen verschont. Kein feindliches Kriegsschiff erreichte die Elbmündung. Mehrere der schweren Kanonen wurden bereits kurz nach Kriegsbeginn an andere Kriegsschauplätze verlegt. Nach Kriegsende durfte die Anlage zwar bestehen bleiben, musste jedoch ihre Bewaffnung erheblich reduzieren. Während der Weimarer Republik verlor das Fort zunehmend an Bedeutung und verfiel langsam.

Foto: Kultur-macht/Leo Dillikrath

Mit dem Beginn der Aufrüstung in den 1930er-Jahren erhielt die Anlage erneut militärische Aufgaben. Diesmal stand nicht mehr die Bekämpfung von Kriegsschiffen im Mittelpunkt, sondern die Luftverteidigung. Moderne Flugabwehrgeschütze ersetzten die alten Küstenkanonen, Beobachtungstürme entstanden und Funkmesstechnik wurde installiert. Bereits einen Tag nach der britischen Kriegserklärung im September 1939 verzeichnete die Besatzung ihren ersten Abschuss eines britischen Bombers. Dennoch blieb das Fort während des gesamten Zweiten Weltkriegs eher eine Verteidigungsstellung im Hintergrund. Wie schon im Ersten Weltkrieg musste kein einziges feindliches Schiff unter Beschuss genommen werden.

Nach Kriegsende änderte sich das Schicksal der Festung grundlegend. Britische Truppen übernahmen zunächst das Gelände, anschließend nutzte der Deutsche Minenräumdienst die Anlage als Stützpunkt. Zahlreiche militärische Einrichtungen wurden gesprengt oder zurückgebaut. Wo einst Geschütze standen, entstanden später ungewöhnliche Nutzungen. In den Jahren der Wohnungsnot lebten Familien in den ehemaligen Kasematten. Zeitweise beherbergte das Fort sogar eine Jugendherberge. Später fanden sich hier unter anderem Handwerksbetriebe, Lagerflächen, eine Gießerei sowie landwirtschaftliche Betriebe. Erst Ende der 1960er-Jahre wurde die Anlage aufgegeben und verfiel zusehends.

Dass Besucher heute ein hervorragend erhaltenes Baudenkmal erleben können, ist umfangreichen Restaurierungsmaßnahmen zu verdanken. Nachdem die Stadt Cuxhaven das Fort übernommen hatte, flossen erhebliche Fördermittel in die aufwendige Sanierung. Verschüttete Gräben wurden freigelegt, historische Mauern restauriert, Dächer instand gesetzt und zahlreiche originale Strukturen wieder sichtbar gemacht. Dabei gelang es, den Charakter der Festung weitgehend in den Zustand des frühen 20. Jahrhunderts zurückzuführen, ohne die Spuren ihrer wechselvollen Geschichte zu verwischen.

Foto: Kultur-macht/Leo Dillikrath

Heute präsentiert sich Fort Kugelbake als außergewöhnliches Freilichtmuseum. Besucher können bei fachkundigen Führungen durch die historischen Kasematten gehen, die weitläufigen Innenhöfe erkunden und originale Geschützstellungen besichtigen. Zu den eindrucksvollsten Exponaten gehört ein 10,5-Zentimeter-Flugabwehrgeschütz mit seinem markanten Schutzschild, das an seinem historischen Standort aufgestellt wurde. Informationstafeln und Ausstellungen vermitteln anschaulich die Entwicklung der Festung sowie die militärischen, technischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die sie über mehr als 145 Jahre geprägt haben.

Doch das Fort ist längst mehr als ein Denkmal vergangener Zeiten. Die historischen Mauern bilden heute eine außergewöhnliche Kulisse für kulturelle Veranstaltungen. Theateraufführungen unter freiem Himmel, Konzerte und andere Veranstaltungen verleihen der ehemaligen Festung neues Leben und verbinden Geschichte mit moderner Kultur. So ist aus einer einst streng bewachten Militäranlage ein lebendiger Begegnungsort geworden, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart auf eindrucksvolle Weise begegnen. (sk)