Wer Cuxhaven besucht, denkt meist an das Wattenmeer, den weiten Sandstrand oder die mächtigen Schiffe auf ihrem Weg zwischen Nordsee und Hamburg. Doch nur wenige Schritte von der Elbe entfernt verbirgt sich ein Ort, der zu den spannendsten Zeugnissen deutscher Auswanderungs- und Schifffahrtsgeschichte zählt.
Von KM-Redakteurin Sabrina Köhler und Leo Dillikrath
Magazin – Im historischen Empfangsgebäude des Steubenhöfts lädt die Ausstellung „Um die Ecke geht es nach Amerika“ dazu ein, in eine Zeit einzutauchen, in der Cuxhaven das Tor in die Neue Welt war. Statt nüchterner Geschichtsdaten erwartet Besucher eine Reise durch mehr als ein Jahrhundert voller Visionen, technischer Meisterleistungen und menschlicher Schicksale.
Bereits beim Betreten des Gebäudes beginnt die Zeitreise. Große Fenster lassen viel Licht in die Galerie im ersten Obergeschoss, wo sich die Ausstellung auf 46 großformatigen Bannern mit insgesamt 92 Informationsseiten entfaltet. Historische Fotografien, eindrucksvolle Abbildungen, Dokumente und anschauliche Erläuterungen führen Schritt für Schritt durch die Entwicklung des Überseepassagierverkehrs. Dabei geht es nicht allein um Schiffe oder technische Daten. Im Mittelpunkt stehen die Menschen, deren Hoffnungen, Träume und Abschiede diesen Ort über Jahrzehnte geprägt haben.

Der Rundgang beginnt Ende des 19. Jahrhunderts, als die Hamburg-Amerika-Linie – besser bekannt als HAPAG – Cuxhaven zu ihrem Ausgangshafen für den Transatlantikverkehr machte. Millionen Auswanderer zog es damals nach Nordamerika. Für viele war Deutschland eine Heimat ohne Perspektive. Arbeitslosigkeit, Armut oder die Hoffnung auf ein besseres Leben ließen sie den Mut fassen, ihre gesamte Existenz hinter sich zu lassen. Genau hier, an der Elbmündung, begann für sie das wohl größte Abenteuer ihres Lebens.
Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll, warum ausgerechnet Cuxhaven zu einem der wichtigsten Ausgangspunkte dieser gewaltigen Auswanderungsbewegung wurde. Verantwortlich dafür war vor allem Albert Ballin, einer der bedeutendsten Reedereimanager seiner Zeit. Mit außergewöhnlichem Weitblick erkannte er, dass die immer größer werdenden Ozeandampfer den Hamburger Hafen nur noch eingeschränkt anlaufen konnten. Seine Lösung bestand darin, die Passagiere per Sonderzug bis nach Cuxhaven zu bringen und die Schiffe von hier aus starten zu lassen. Diese Entscheidung machte den kleinen Hafen innerhalb weniger Jahre zu einem internationalen Verkehrsknotenpunkt.

Beim Rundgang wird deutlich, wie rasant sich die Hafenanlagen entwickelten. Anfangs mussten kleinere Tenderboote die Reisenden hinaus zu den vor Anker liegenden Dampfern bringen. Doch mit jeder neuen Schiffsgeneration wuchsen auch die Anforderungen. Neue Kais entstanden, Hafenbecken wurden erweitert und schließlich entstand mit dem Steubenhöft eine der modernsten Passagieranlagen ihrer Zeit. Die Ausstellung vermittelt diese Entwicklung anhand historischer Aufnahmen, auf denen sich die Veränderungen eindrucksvoll nachvollziehen lassen.
Besonders faszinierend sind die Geschichten der legendären Ozeanriesen, die regelmäßig an der Elbmündung festmachten. Namen wie Augusta Victoria, Deutschland, Amerika, Kaiserin Auguste Victoria oder Imperator stehen bis heute für den Wettlauf um Größe, Geschwindigkeit und Luxus auf dem Atlantik. Die Ausstellung macht deutlich, dass diese Schiffe weit mehr waren als Transportmittel. Sie galten als schwimmende Meisterwerke ihrer Zeit, ausgestattet mit prächtigen Salons, Speisesälen und Kabinen, die den Komfort luxuriöser Grandhotels erreichten.
Ein besonderes Kapitel widmet sich der Augusta Victoria. Kaum jemand weiß heute, dass mit diesem Schiff ein neues Kapitel der Tourismusgeschichte begann. Als der Transatlantikverkehr im Winter weniger Passagiere zählte, entstand die Idee, eine Vergnügungsreise ins Mittelmeer und den Orient anzubieten. Diese Fahrt gilt heute als Geburtsstunde der modernen Kreuzfahrt. Damit nimmt Cuxhaven nicht nur in der Auswanderungsgeschichte, sondern auch in der Entwicklung des weltweiten Kreuzfahrttourismus einen besonderen Platz ein.

Mindestens ebenso eindrucksvoll erzählt die Ausstellung von den historischen Gebäuden selbst. Besucher erfahren, weshalb der prachtvolle Kuppelsaal der damaligen Hapag-Halle weit mehr war als ein gewöhnlicher Wartesaal. Elektrisches Licht, elegante Architektur und eine Ausstattung nach dem Vorbild der luxuriösen Schiffe sollten den Reisenden bereits an Land das Gefühl vermitteln, Teil einer außergewöhnlichen Reise zu sein. Von dort führte der Weg durch den gedeckten Gang direkt bis zur Gangway – wettergeschützt und perfekt organisiert. Wer heute an einer Führung teilnimmt, kann diesen historischen Weg nahezu unverändert nachvollziehen und erlebt die Atmosphäre vergangener Jahrzehnte auf besonders authentische Weise.
Doch die Ausstellung verschweigt auch die Schattenseiten dieser Epoche nicht. Zwischen den technischen Errungenschaften stehen immer wieder persönliche Schicksale im Mittelpunkt. Familien verabschiedeten sich mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen, das oft niemals eintrat. Eltern hielten ihre Kinder ein letztes Mal im Arm, während die Dampfer langsam Kurs auf den Atlantik nahmen. Aus diesen bewegenden Momenten entstand der bis heute gebräuchliche Beiname des Steubenhöfts – der „Kai der Tränen“. Gerade diese persönlichen Geschichten verleihen der Ausstellung ihre besondere Tiefe und machen Geschichte greifbar.
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs endete die Blütezeit des Passagierverkehrs abrupt. Die Ausstellung zeichnet nach, wie sich die Rolle des Hafens in den folgenden Jahrzehnten mehrfach veränderte. Nach den Kriegen nutzten zunächst Heimkehrer, Soldaten und sogenannte Displaced Persons die Anlage. Später kehrten mit Schiffen wie der Italia oder der beliebten Hanseatic noch einmal elegante Passagierschiffe nach Cuxhaven zurück. Gleichzeitig begann jedoch das Zeitalter des Flugverkehrs. Immer mehr Reisende entschieden sich für die schnellere Verbindung über den Atlantik, sodass die großen Linienverkehre nach und nach verschwanden.
Heute bewahrt die Ausstellung dieses außergewöhnliche Kapitel deutscher Verkehrsgeschichte vor dem Vergessen. Sie verbindet historische Fakten mit emotionalen Geschichten und zeigt eindrucksvoll, wie eng Technik, Wirtschaft, Migration und Tourismus miteinander verbunden waren. Gerade diese Vielschichtigkeit macht den Rundgang sowohl für Geschichtsinteressierte als auch für Urlauber spannend, die Cuxhaven einmal aus einer ganz anderen Perspektive kennenlernen möchten.

Ergänzt wird das Ausstellungserlebnis durch Führungen des Fördervereins Hapag-Halle Cuxhaven. Sie führen Besucher durch den historischen Passagierterminal, den beeindruckenden Kuppelsaal, den gedeckten Gang und schließlich hinaus auf das Steubenhöft. Dort eröffnet sich derselbe Blick über die Elbe, den einst Hunderttausende Auswanderer vor ihrer Überfahrt nach Amerika genossen. Zwischen vorbeiziehenden Containerschiffen und Kreuzfahrtschiffen wird spürbar, dass Geschichte hier nicht hinter Glasvitrinen verborgen liegt, sondern bis heute Teil des Hafens geblieben ist.
Die Ausstellung „Um die Ecke geht es nach Amerika“ befindet sich in der Galerie des Empfangsgebäudes am Steubenhöft, Albert-Ballin-Platz 1 in Cuxhaven. Sie ist täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet und bietet eine eindrucksvolle Gelegenheit, tief in die Geschichte der Auswanderung, der großen Ozeandampfer und der Anfänge der Kreuzfahrt einzutauchen. Wer Cuxhaven besucht und mehr über den Ort erfahren möchte, an dem einst unzählige Lebenswege ihren Anfang nahmen, findet hier eine der faszinierendsten Ausstellungen an der deutschen Nordseeküste. (sk)




