„Grenzenloses Erzählen“ – eine zweisprachige Anthologie über Heimat, Migration, Erinnerung und die Kraft der Sprache.
Von Booktokerin und KM-Redakteurin Luisa Müller
Literatur – Grenzen sind Linien auf Landkarten. Sie trennen Länder, Kulturen und manchmal auch Menschen. Geschichten dagegen halten sich selten an solche Linien. Sie wandern, reisen mit ihren Erzählerinnen und Erzählern, überqueren Meere und Generationen und finden oft dort eine gemeinsame Sprache, wo die Wirklichkeit noch Grenzen zieht. Genau diesem Gedanken folgt die Anthologie „Grenzenloses Erzählen“, die die Gesellschaft Griechischer AutorInnen in Deutschland gemeinsam mit dem Kater Literaturverlag herausgegeben hat.
Das Buch ist schon äußerlich ein Plädoyer für den kulturellen Austausch: Alle Beiträge erscheinen zweisprachig … auf Deutsch und Griechisch. Damit ist die Übersetzung nicht bloß Service für die jeweils andere Leserschaft, sondern wird selbst zu einem wesentlichen Bestandteil des Buches. Zwei Sprachen stehen einander gegenüber, ohne dass die eine die andere verdrängt. Das passt zum literarischen Konzept einer Sammlung, in der sich Herkunft und Gegenwart, Griechenland und Deutschland, Erinnerung und Neubeginn begegnen. Im Vorwort wird die Anthologie ausdrücklich als Versuch beschrieben, Brücken zwischen Sprachen, Erfahrungen, Kulturen und Generationen zu bauen.
Rund zwei Dutzend Autorinnen und Autoren sind vertreten. Schon das Inhaltsverzeichnis macht die Vielfalt deutlich: Zu den Mitwirkenden gehören unter anderem Philipp Ammon, Elena Mpei, Aglaia Blioumi, Susanne Brandt, Elsa Korneti, Elly Dali, Peter Ettl, Anna Jäger, Sabine Evangelia Koop, Petros Kyrimis, Maria Laftsidis-Krüger, Julia Lehnen, Michalis Patentalis, Parthéna Pérez, Sigune Schnabel, Anna Tastsoglou, Stefan Tikatsch und Elson Zguri.
Dabei ist „Grenzenloses Erzählen“ erfreulich weit davon entfernt, ein Buch über Griechenland im touristischen Sinn zu sein. Natürlich gibt es das Licht, die Landschaften, die Erinnerungen an Dörfer, Inseln und Städte. Doch das eigentliche Griechenland dieses Buches liegt in den Menschen und in ihren Biografien. Es ist ein Griechenland der Kindheit, der Auswanderung, der Rückkehr, der Sehnsucht und manchmal auch der Enttäuschung.

Besonders eindrücklich zeigt das Maria Laftsidis-Krügers „Der Löwe von Amphipolis“. Der steinerne Löwe wird darin zum Erinnerungsort eines Gastarbeiterkindes. Jahrzehnte später steht der Erzähler wieder vor dem Monument am Strymonas. Mit dem Löwen kehren Gerüche, Speisen und Bilder der Kindheit zurück: die Großmutter, Biftekia, Storchennester und die lange Autofahrt durch Europa. Der Löwe wird zum Symbol einer Heimat, die gleichzeitig real und vergangen ist – und die Menschen, die in der Fremde aufwuchsen, trotzdem ein Leben lang begleitet.
Noch unmittelbarer wird die Frage nach Zugehörigkeit in den Texten, die Migration nicht nur als Ortswechsel, sondern als innere Erfahrung beschreiben. In Parthéna Pérez‘ Beitrag geht es um eine Frau, die sich zwischen Erwartungen, Familie und eigener Lebensgeschichte bewegt. Migration, Identität und die ständige Frage „Wo gehöre ich hin?“ gehören zu den wiederkehrenden Themen ihres Schreibens.
Besonders aktuell wirkt der Beitrag von Elson Zguri. Als Albaner, der in Griechenland aufgewachsen ist, erlebt er die widersprüchliche Erfahrung, gleichzeitig integriert und ausgeschlossen zu sein. Er spricht besser Griechisch als Albanisch, sieht Griechenland als seine Lebenswelt und bleibt dennoch durch seinen Namen und seine Herkunft als „der Andere“ markiert. Erst in Berlin entdeckt er Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität nicht mehr als Belastung, sondern als Reichtum. Aus „zwei Welten“ muss dabei keine einzige verschmelzen – sie dürfen nebeneinander existieren.
Gerade solche Passagen verleihen dem Band seine gesellschaftliche Relevanz. „Grenzenloses Erzählen“ handelt nicht abstrakt von Migration. Die großen Begriffe werden in konkrete Lebensgeschichten übersetzt: in die Erfahrung, nicht ganz dazuzugehören, in die Erinnerung an eine vergangene Heimat, in sprachliche Missverständnisse oder in den Blick auf die eigene Herkunft durch die Augen anderer.
Dabei kann das Buch auch ausgesprochen humorvoll sein. Michalis Patentalis erzählt beispielsweise von einem grotesken Missverständnis: Ein griechischer Einwanderer wird aufgrund eines sprachlichen Irrtums plötzlich für einen Terroristen gehalten. Was zunächst komisch wirkt, kippt schnell ins Nachdenkliche. Denn hinter dem absurden Missverständnis steht die Erfahrung eines Menschen, der in einem fremden Land versucht, sich zurechtzufinden.
Andere Texte schlagen einen deutlich ernsteren Ton an. Es geht um Flucht, Gewalt, politische und gesellschaftliche Verwerfungen, um Menschen, die durch äußere Ereignisse entwurzelt werden. In „Der Einwanderer“ etwa wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der sein einfaches Leben in einem kleinen Dorf verliert, nachdem eine bewaffnete Gruppe den Ort angreift.
Daneben steht die Lyrik. Philipp Ammon verbindet in seinen Gedichten antike Motive mit Gegenwartsfragen. In „Thermopylai“ werden die Thermopylen zum Bild für innere Wachsamkeit, Verantwortung und das Bewahren dessen, was einem wichtig ist. Auch die Gedichte von Stefan Tikatsch zeigen, dass die Anthologie nicht auf ein bestimmtes literarisches Genre oder eine einheitliche Tonlage festgelegt ist.
Diese Vielfalt ist eine der großen Stärken des Bandes – und zugleich seine Herausforderung. „Grenzenloses Erzählen“ ist kein Roman, der seine Leserschaft durch eine durchgehende Handlung führt. Wer sich auf die Anthologie einlässt, muss bereit sein, immer wieder neue Stimmen und Perspektiven kennenzulernen. Mal sind die Texte unmittelbar verständlich, mal poetisch und verdichtet, mal politisch, mal verspielt. Gerade dadurch entsteht aber ein Bild von Griechenland und griechisch-deutscher Lebenswirklichkeit, das nicht auf eine einzige Erzählung reduziert werden kann.
Bemerkenswert ist auch, dass sich das Buch nicht auf Autorinnen und Autoren beschränkt, die ausschließlich in einem Land leben oder schreiben. Einige Biografien bewegen sich selbst zwischen Deutschland und Griechenland, andere zwischen mehreren Sprachen und kulturellen Räumen. Michalis Patentalis etwa wurde in Düsseldorf geboren, wuchs in Drama auf, arbeitete als Radiojournalist und Kulturredakteur und ist seit 2002 Vorsitzender der Gesellschaft Griechischer Autoren in Deutschland. Seine literarische Arbeit umfasst Gedichte und Kurzgeschichten, die in Deutschland und Griechenland veröffentlicht und teilweise für Film und Fernsehen adaptiert wurden.
So wird die Zweisprachigkeit des Bandes schließlich zum eigentlichen roten Faden. Deutsch und Griechisch stehen nicht für zwei voneinander abgeschottete Welten. Sie zeigen vielmehr, dass Identität mehrsprachig sein kann – und dass Übersetzen nicht bedeutet, eine Geschichte zu verändern, sondern ihr eine weitere Möglichkeit des Gehörtwerdens zu geben.
„Grenzenloses Erzählen“ ist deshalb mehr als eine Sammlung griechisch-deutscher Literatur. Das Buch dokumentiert einen kulturellen Raum, der längst nicht mehr an nationalen Grenzen endet. Es erzählt von Menschen, die gegangen sind und wiederkamen, von Menschen, die geblieben sind, von Menschen, die zwischen mehreren Orten leben, und von einer Generation, für die Mehrsprachigkeit nicht Ausnahme, sondern Alltag ist.
Wer Griechenland nur als Urlaubsziel kennt, wird hier eine andere Seite des Landes entdecken. Wer selbst zwischen Kulturen lebt, dürfte in manchen Texten eigene Erfahrungen wiederfinden. Und wer sich für Literatur interessiert, die persönliche Geschichte mit gesellschaftlichen Fragen verbindet, bekommt eine ausgesprochen vielseitige Lektüre.
„Grenzenloses Erzählen“ ist als Taschenbuch mit 308 Seiten erschienen und kostet 14,99 Euro. Das handliche Format von 14,8 × 21 Zentimetern macht den Band zu einer unkomplizierten Lektüre, die man immer wieder zur Hand nehmen kann. Herausgeber ist der Kater Literaturverlag in Viersen (ISBN 978-3-944514-58-1).
Vielleicht ist das schönste Versprechen dieses Buches bereits in seinem Titel enthalten: Grenzenlos erzählt wird hier nicht nur über Grenzen … sondern über die Möglichkeit, sie mit Literatur zu überschreiten. (lm)




