Harald Lesch in Viersen: Ein Abend zwischen Vivaldi, Wissenschaft und der Frage nach unserer Zukunft

Selten dürfte die Festhalle Viersen einen derart konzentrierten und zugleich begeisterten Abend erlebt haben. Bereits lange vor Beginn füllten sich die Reihen, schließlich war der Saal bis auf den letzten Platz besetzt.
Von den KM-Redakteurinnen Nadja Becker und Inge Kroese

Kultur – Als Harald Lesch gemeinsam mit dem Merlin Ensemble Wien die Bühne betrat, war schnell klar, dass die Besucher kein gewöhnliches Konzert erwartete. Was folgte, war eine rund zweistündige Reise durch die Geschichte der Erde, die Schönheit der Musik und die Herausforderungen des Klimawandels … unterhaltsam, nachdenklich und immer wieder überraschend humorvoll.

Der bekannte Astrophysiker und Wissenschaftsvermittler stellte von Beginn an die Regeln eines klassischen Konzertabends auf den Kopf. Er selbst sei, sagte er augenzwinkernd, ein „Spontanklatscher“, der in seinem Leben bereits mehrere gesellschaftliche Fettnäpfchen mitgenommen habe. Deshalb dürfe an diesem Abend jeder klatschen, wann immer ihm danach sei. Die lockere Bemerkung sorgte sofort für Heiterkeit und schuf eine Atmosphäre, die den gesamten Abend prägen sollte: respektvoll, aber ungezwungen; anspruchsvoll, aber nie akademisch abgehoben.

Foto: Kultur-macht/Maris Rietrums

Das Programm „Vier Jahreszeiten im Klimawandel“ lebt von seiner besonderen Struktur. Immer wieder wechselten sich musikalische Passagen mit wissenschaftlichen Erklärungen und erzählerischen Abschnitten ab. Mal sprach Lesch über die Entstehung des Universums, mal über die Besonderheiten des Planeten Erde, dann wieder gehörte die Bühne ganz den Musikern. Gerade diese ständigen Perspektivwechsel verliehen der Veranstaltung ihren Reiz. Die Musik diente nicht als bloße Untermalung, sondern wurde zum eigenständigen Erzähler.

Für den musikalischen Teil sorgte das Merlin Ensemble Wien unter der Leitung des Geigers Martin Walch. Gemeinsam mit Ingrid Friedrich und Cornelia Lörcher an den Violinen, Mechthild Sommer an der Viola, Luis Zorita am Violoncello, Simon Hartmann am Kontrabass, Leonhard Kohler am Fagott sowie Daniela Fietzek am Cembalo ließ das Ensemble die berühmten Klänge Antonio Vivaldis in eindrucksvoller Qualität erklingen. Walch stellte die Musiker und ihre Instrumente mit viel Charme vor und erläuterte, dass einige der verwendeten Instrumente auf eine jahrhundertelange Geschichte zurückblicken können. Die hohe musikalische Qualität des Ensembles wurde vom Publikum mehrfach mit begeistertem Applaus bedacht.

Während die Musik die Jahreszeiten in Tönen schilderte, erzählte Lesch deren wissenschaftliche Geschichte. Er begann dabei nicht bei Wetterphänomenen oder aktuellen Klimadaten, sondern Milliarden Jahre früher. Die Erde sei keineswegs selbstverständlich entstanden, sondern das Ergebnis einer außergewöhnlichen kosmischen Entwicklung. Sterne mussten entstehen und vergehen, Elemente mussten in Supernova-Explosionen erzeugt werden, bevor überhaupt die Grundlage für Planeten, Ozeane und Leben vorhanden war.

Foto: Kultur-macht/Maris Rietrums

Besonders eindrücklich schilderte Lesch die Entstehung des Mondes. Eine gewaltige Kollision der jungen Erde mit einem anderen Himmelskörper habe die Achsneigung des Planeten verursacht. Ohne dieses Ereignis gäbe es keine Jahreszeiten, wie wir sie kennen. Frühling, Sommer, Herbst und Winter seien letztlich die Folge eines uralten kosmischen Zusammenstoßes.

Immer wieder gelang es Lesch, komplexe Zusammenhänge in eingängige Bilder zu übersetzen. Einer der Sätze des Abends lautete: „Wir leben auf Eis, das immer dünner wird.“ In wenigen Worten verdichtete er damit die zentrale Botschaft seines Vortrags. Der Klimawandel sei keine ferne Zukunftsfrage, sondern eine Entwicklung, die bereits heute spürbare Folgen habe.

Dabei blieb Lesch konsequent bei naturwissenschaftlichen Fakten. Er erläuterte die Bedeutung des natürlichen Treibhauseffekts und machte deutlich, dass die Atmosphäre die Voraussetzung für das Leben auf der Erde ist. Ohne sie lägen die Durchschnittstemperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Problematisch werde die Situation dort, wo menschliche Aktivitäten die Konzentration der Treibhausgase erheblich verändern.

Anhand zahlreicher Beispiele schilderte er die Auswirkungen der Erderwärmung. Er sprach über zunehmende Hitzewellen, über auftauende Permafrostböden in den nördlichen Regionen der Erde und über die Freisetzung großer Mengen von Methan. Gleichzeitig zeigte er, wie sich Jahreszeiten verschieben, Pflanzen früher blühen und sich Ökosysteme verändern. Vieles von dem, was früher als Ausnahme erschien, werde zunehmend zur Regel.

Foto: Kultur-macht/Maris Rietrums

Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas verlor die Veranstaltung nie ihre Leichtigkeit. Lesch streute immer wieder humorvolle Bemerkungen ein, spielte mit den Erwartungen seines Publikums und sorgte regelmäßig für Lacher. Auch eine augenzwinkernde politische Pointe über zwei international bekannte Staatsführer, die er bewusst nicht namentlich erwähnte, wurde vom Publikum sofort verstanden. Neben den naturwissenschaftlichen Inhalten widmete sich Lesch auch gesellschaftlichen Beobachtungen. Mit Humor stellte er fest, dass offenbar jede Generation überzeugt sei, die eigene sei die beste gewesen. Solche Exkurse lockerten den Abend auf und verbanden große globale Fragen mit alltäglichen menschlichen Erfahrungen.

Besonders aufmerksam wurde es im Saal, als Lesch über den Umgang mit der Klimakrise sprach. Er formulierte seine Gedanken nicht als politische Forderungen, sondern als Konsequenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Ein Satz sorgte dabei für zustimmendes Murmeln im Publikum: Wenn es darum ginge, eine Bank zu retten, wäre das Problem vermutlich längst gelöst worden. Die Bemerkung brachte auf den Punkt, wie schwer es offenbar fällt, langfristige Herausforderungen mit derselben Entschlossenheit anzugehen wie akute wirtschaftliche Krisen.

Bemerkenswert war während des gesamten Abends die Aufmerksamkeit im Saal. Über die gesamte Dauer von rund zwei Stunden hinweg folgten die Besucher den Ausführungen konzentriert. Immer wieder unterbrach Applaus die Veranstaltung, teilweise deutlich länger als üblich. Als die letzten Töne verklungen waren und Lesch seine Schlussgedanken formuliert hatte, erhob sich ein großer Teil des Publikums von den Sitzen. Die stehenden Ovationen wollten kaum enden. Einige Besucher unterstrichen ihre Begeisterung sogar mit rhythmischem Fußstampfen. Der Erfolg des Abends beruhte nicht allein auf der Prominenz seines Hauptakteurs. Entscheidend war vielmehr die ungewöhnliche Verbindung von Wissenschaft und Kunst. Wo sonst Diagramme und Statistiken dominieren, standen an diesem Abend Musik, Geschichten und Bilder. Wo ein Konzert oft bei der Ästhetik endet, öffnete sich hier zugleich ein Raum für Erkenntnis und Diskussion. (nb)