Es war ein Abend, der sich nicht in einzelne Höhepunkte gliedern ließ, sondern als fortlaufende Verdichtung wirkte. Am vergangenen Montag, dem 6. April, trat Femi Kuti mit seiner Band The Positive Force in der Muziekgieterij auf und verwandelte den Konzertsaal in ein rhythmisch aufgeladenes Gefüge, das Musik, Körper und Botschaft eng miteinander verschränkte.
Von KM-Redakteurin Sabrina Köhler
Musik – Der Beginn kam ohne Pathos aus. Statt einer dramaturgischen Steigerung setzte die Band unmittelbar ein, als habe das Konzert längst begonnen und das Publikum stoße lediglich hinzu. Schlagzeug und Percussion legten ein dichtes Fundament, über dem sich Bläserlinien und Gitarrenmotive entfalteten. Diese Struktur blieb über den gesamten Abend hinweg bestimmend: keine abrupte Zäsur zwischen den Stücken, sondern fließende Übergänge, die den Eindruck eines einzigen, langen musikalischen Atems erzeugten.
Im Zentrum dieses Geschehens agierte Kuti mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit. Er spielte Saxophon und Trompete, griff zum Keyboard und führte zugleich als Sänger durch das Programm. Seine Gestik blieb dabei präzise und ökonomisch; sie diente weniger der Selbstdarstellung als der Steuerung eines Ensembles, das auf enge Abstimmung angewiesen ist. The Positive Force erwies sich als eingespielter Klangkörper, dessen Mitglieder die komplexen rhythmischen Verschiebungen des Afrobeat mit scheinbarer Leichtigkeit ausführten.

Dass dieser Stil auf eine lange Tradition zurückgeht, wurde im Verlauf des Abends immer wieder spürbar. Femi Kuti ist der Sohn von Fela Kuti, jenem Musiker, der den Afrobeat in den 1970er-Jahren als Verbindung aus Funk, Jazz und afrikanischen Rhythmen etablierte und zugleich zu einem Medium politischer Kritik machte. Die familiäre Herkunft blieb jedoch im Hintergrund; entscheidend war, wie Kuti dieses Erbe weiterführt und verändert.
Ein wesentlicher Teil des Programms speiste sich aus seinem aktuellen Album „Journey Through Life“, das 2025 erschienen ist. Die neuen Stücke fügten sich nahtlos in das Repertoire ein, setzten jedoch inhaltlich andere Akzente. Neben den bekannten Themen wie Korruption und sozialer Ungleichheit traten persönliche Reflexionen stärker in den Vordergrund. Texte über Familie und individuelle Entwicklung erweiterten die Perspektive, ohne den kritischen Grundton aufzugeben.
Zwischen den musikalischen Passagen wandte sich Kuti mehrfach direkt an das Publikum. Seine Worte waren knapp gehalten, doch klar in ihrer Stoßrichtung. Er sprach über globale Machtverhältnisse, über Verantwortung und über die Rolle von Musik als Mittel der Artikulation. Dabei vermied er jede Form der Überinszenierung; die Aussagen fügten sich in den Fluss des Abends ein und wirkten gerade dadurch nachhaltig.
Die visuelle Dimension spielte eine nicht minder wichtige Rolle. Tänzerinnen und Tänzer begleiteten das Konzert mit choreografierten Sequenzen, die die rhythmischen Strukturen nicht illustrierten, sondern eigenständig interpretierten. Ihre Bewegungen griffen die Energie der Musik auf und übertrugen sie in den Raum, sodass sich ein vielschichtiges Zusammenspiel von Klang und Körper ergab.
Das Publikum reagierte zunächst aufmerksam, fast zurückhaltend, bevor sich die Atmosphäre zunehmend löste. Im weiteren Verlauf entwickelte sich eine kollektive Dynamik, in der Zuhören und Mitgehen ineinander übergingen. Die Dichte des musikalischen Geschehens ließ dabei kaum Raum für Ablenkung; der Abend verlangte Konzentration und bot zugleich unmittelbare körperliche Erfahrung.
Auch der Ort selbst trug zu dieser Wirkung bei. Die Muziekgieterij im Sphinx-Viertel, einem ehemaligen Industrieareal mit wachsender kultureller Bedeutung, bot den passenden Rahmen für ein Konzert, das sich zwischen Tradition und Gegenwart bewegt. Die industrielle Architektur des Raumes verlieh dem Klang zusätzliche Schärfe und unterstrich den rohen, unverstellten Charakter der Darbietung.
Biografisch lässt sich Femi Kuti als Künstler beschreiben, der früh in die musikalischen Strukturen seines Vaters eingebunden war, sich jedoch bewusst davon gelöst hat. Nach ersten Erfahrungen in der Band Egypt ’80 gründete er 1986 seine eigene Formation. Seitdem hat er den Afrobeat kontinuierlich erweitert, Einflüsse aus R&B, Rock und Hip-Hop integriert und sich zugleich inhaltlich eigenständig positioniert. Seine klare Haltung gegen Sexismus und Drogen markiert dabei eine bewusste Abgrenzung zu Teilen der Vergangenheit.
Die internationale Resonanz auf seine Arbeit hat in den vergangenen Jahren nochmals zugenommen. Kooperationen mit Künstlern unterschiedlicher Genres sowie Auftritte auf großen Bühnen – bis hin zu gemeinsamen Momenten mit Coldplay – haben seine Reichweite erweitert. Gleichwohl zeigte der Abend in Maastricht, dass seine Musik ihre Wirkung vor allem im direkten Live-Erlebnis entfaltet.
So blieb am Ende weniger ein einzelner Eindruck als vielmehr das Bild eines kontinuierlichen Prozesses. Der Auftritt wirkte nicht wie ein abgeschlossenes Programm, sondern wie ein Ausschnitt aus einer fortlaufenden Entwicklung, in der musikalische Tradition, persönliche Erfahrung und gesellschaftliche Reflexion ineinandergreifen. (sk)





